Wolfgang Schmidbauer: Angst und Grausamkeit

Wolfgang Schmidbauer ist Psychologe und Psychoanalytiker. Er ist Mitbegründer der Münchner Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und der Gesellschaft für analytische Gruppendynamik. Er ist Kolumnist und schreibt regelmässig für Fach- und Publikumszeitschriften.

Dies ist sein neuester Artikel:

Ein Kind, das Fliegen Beine auszupft oder Ameisen mit dem Brennglas verdampft, macht Grausamkeit zum Spiel, ähnlich der Katze, die eine verwundete Maus entkommen lässt und erneut die Krallen in sie schlägt. Die großen Grausamen der Geschichte wirken dem gegenüber weder neugierig noch spielerisch, sondern freudlos und von dem Bedürfnis gehetzt, die Welt unter Kontrolle zu bringen. Das Kind und die Katze fürchten nicht, dass die Fliege oder die Maus ihnen schaden werden, wenn sie ihnen nicht zuvorkommen.

Die Tyrannen der Geschichte waren von der Phantasie geprägt, anderen antun zu müssen, was diese sonst ihnen antun würden. Die kindliche Grausamkeit ist mit Weltvertrauen vereinbar; die tyrannische nicht. Die Angst vor Vergeltung erzwingt Misstrauen und stete Wachsamkeit.

Wespen lähmen eine Raupe durch einen Stich in ein Ganglion und legen dann ihre Eier in sie ab, so dass ihre Larven den noch lebenden Wirt verzehren. Hyänen gelten als grausam, weil sie einer Gazelle die Bauchdecke aufreißen und die Eingeweide verschlingen, während ihre Beute noch lebt. Angesichts solcher Erscheinungen fällt manchmal der Satz von der Grausamkeit der Natur. Ein Missverständnis, das auf einer Ausweitung der menschlichen Empathie beruht. In der biologischen Evolution geht es um Zweckmäßigkeit, um das Funktionieren der Organismen angesichts der Aufgabe, die eigenen Gene weiter zu geben. Empathie ist da eine sehr späte Errungenschaft. Wie die Tyrannen zeigen keine, auf die wir uns verlassen können.

Die Beobachtung der Natur lehrt uns ebenso wie die Selbstbeobachtung, dass der natürlichen Auslese das Wohlbefinden des Individuums ziemlich gleichgültig ist. Das lässt an dem gütigen Schöpfergott zweifeln und hat den Volksglauben gezwungen, ihm einen Teufel gegenüberzustellen, der Stechmücken, Wespen, Schnupfenerreger und jene Unzahl weiterer Übel erschaffen hat, die uns plagen.

Eine zusätzliche Plage entsteht dadurch, dass wir manchen Übeln entgehen können, anderen aber nicht. Wenn ich auf das dritte Stück Sahnetorte verzichte, wird mir nachher nicht speiübel. Wenn ich nicht rauche, sinkt die Gefahr von Lungenkrebs. Aber was habe ich versäumt, was habe ich falsch gemacht, wenn ich trotz meiner Vorsicht erkranke?

Die Scholastiker haben sich gefragt, ob es im Paradies schon Stechmücken und Giftschlangen gab. Wir können hinzusetzen, dass die hebräische Mythologie eine tiefe Wahrheit offenbart, indem sie die Unbekömmlichkeit der Erkenntnis betont. Es war ein weiser Rat, die Frucht der Erkenntnis nicht zu essen. Schon damals wussten die Dichter, dass eine paradiesische Existenz sich nicht mit zu viel Wissen verträgt. Einsicht schafft innere Gefahren, auf die eine im Kampf gegen äußere Feinde entwickelte Intelligenz keine Antworten findet.

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