Nachgedanken zur ARD Glückswoche

gluecksmohnEnde  November lief im ARD die Themenwoche „Zum Glück“. In TV und Radio-Sendungen, Filmen, Dokus, Talkshows befasste man sich eingehend mit diesem „vogerlhaften“ Zustand, dem Glück – davon, wie man es findet, wie man es haltet, ob es es überhaupt gibt. Diskutiert wurde natürlich unter anderem, ob Reichtum glücklich macht, da die Bevölkerung Mitteleuropas überwiegend genug zu essen hat, dennoch Depressionen, Burn-Outs, Lebensüberdruss und Unzufriedenheitsraten unverhältnismäßig hoch sind.

Man begleitete Menschen in ihrem Alltag und versuchte, so dem Glück auf die Schliche zu kommen. Psychologische Tricks wie das Führen eines Glückstagebuchs, in dem man Momente der Harmonie, der Liebe und Freude einträgt, wurden vorgestellt. Sie sollen dazu dienen, den Fokus vom Schlechten auf das Gute zu legen und offensichtlich zu machen, dass es im Alltag mehr als genug Situationen gibt, die durchaus Energie spendend und glücklich machend sind.

Übrigens: Was war IHR glücklichster Moment gestern, letzte Woche, letzten Monat? Was war das Besondere?

Neues Auto, neues Smartphone, iPads für Einjährige, neuer Computer, neuer Flachbildschirm – „neu und der letzte Schrei“ sind für viele wichtige Parameter für das eigene Selbstwertgefühl. Dafür (böse Zungen behaupten nur dafür) sind uns unsere Mitmenschen sehr wichtig, denn mit wem würde man sonst seinen Besitz und seine Errungenschaften vergleichen. Mit einem Hund, einem Baum, einem Stein?

Man braucht nicht groß darauf hinzuweisen, dass so ein Lebensstandard einem viel abverlangt. Das Ergebnis: Menschen leisten Unmenschliches, um sich Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, die aus Ressourcen erzeugt werden, die man armen Ländern klaut und die immer knapper werden, um Leute zu beeindrucken, die man nicht einmal leiden kann. Zurück bleibt Leere und ein Gefühl des Versagens, da man es ja trotz des ganzen Einsatzes nicht schafft, sich selbst – geschweige denn Familie, Freunde, Chefs, Arbeitskollegen zu befriedigen.

Überhaupt ist die Arbeit nicht mehr sinnerfülltes Unterfangen sondern Mittel zum Zweck. Ein erfolgreicher Psychologe (R. Betz) erklärt: Unsere Arbeitswelt werde immer weniger als ein Ort der Freude empfunden. Wir verbrächten dort jedoch mehr Zeit als im Bett oder mit unseren Familien. Wir würden nur arbeiten, um zu leben und das sei Un-Sinn. Wer die Arbeit nicht als unmittelbares Freude-Werk begreife, der quäle sich auf Dauer durch seinen Tag in der Hoffnung, am Abend noch ein wenig Spaß oder Ablenkung zu finden. Aber dieser Spaß habe nichts mit erfüllender Freude zu tun, er sei eher ein Schmerz- und Gefühlsbetäubungsmittel.

Unterstützt wird die Konsumspirale unter anderem durch die Medien, das Bildungssystem und die damit verbundene Kinderverbiegung (= auch wir waren mal Kind). Kreativität und Kooperation werden früh durch Konkurrenz- und Wettbewerbsorientierung verdrängt – ganz nach dem Credo des 21. Jahrhunderts – dem „Mehr-vom-Gleichen-Versorgungsmuster“: Mehr Lebensjahre, mehr Gesundheitsmaßnahmen, mehr Leidvermeidung, mehr Zerstreuung und Ablenkung, mehr Supermarkt, mehr Sicherheitsgarantien und mehr Geld, das vor allem. Läuft es nicht über die Geldschiene, muss man zumindest in allem „besser“ sein als die anderen: Cooler, härter, schneller, schlauer, destruktiver, redegewandter – die Liste ist endlos. Aber doch sehr armselig.

Auch die Coolen brennen aus, ziehen sich zurück, verstecken sich hinter ihrem Ego und suchen den Kick oftmals darin, sich wieder etwas Neues zu „holen“ (kaufen tut man ja nicht mehr) oder Mitmenschen zu er-niedrigen, um sich größer und wertvoller zu fühlen. Auch sie sind arme Sklaven und ihr Verhalten ist nichts anderes als ein Lechzen nach Liebe und Anerkennung.

Gerald Hüther, ein bekannter Hirnforscher, stellte im Rahmen eines Vortrags von Denkwerk Zukunft  einen Versuch vor, wobei 6 Monate alten Babys gezeigt wurde, wie ein kleines gelbes Männlein auf einen Berg klettert. In einer zweiten Szene wurde dieses gelbe Männchen von einem grünen von hinten angeschoben. In einer dritten wurde es von einem blauen Männchen vom Gipfel wieder heruntergestoßen. Nach einer Pause bot man den Babys zum Spielen gelbe und blaue Männchen an – im Alter von 6 Monaten nahmen alle den grünen (den unterstützenden). Bei der Wiederholung – die Kinder waren nun ein Jahr alt – griffen bereits 10 bis 20% zu den blauen.

Konkurrenz und Egoismus sind nur bis zu einem gewissen Grad angeboren. Wir selber sind für die Welt verantwortlich, die uns ein Spiegel ist. Hüther erklärt, dass bereits im Mutterleib folgende zwei Grunderfahrungen existieren: Verbindung und Wachstum sind die Parameter dieser neun Monate. Der Fötus fühlt sich geborgen, verbunden und kann gleichzeitig wachsen. Nachdem man geschlüpft ist, versucht man sein Leben lang, diese Gefühle wieder herzustellen. Man möchte verbunden sein (sich in einer Gruppe wohl fühlen) und gleichzeitig wachsen können (seine Individualität entwickeln und ins Kollektiv einbringen). Da dies aber nicht modern ist oder wahrscheinlich viele von uns schon vergessen haben, wie es geht, geben wir uns mit obigen wert-losen Ersatzbefriedigungen zufrieden.

Fazit: Die Beiträge im Rahmen der ARD Glückswoche brachte mich zum Nachdenken. Ich oute mich jetzt und gestehe: Ich will Liebe! Ich wünsche mir die Welt heller. Ich will weniger Konkurrenz und mehr Gemeinschaft. Ich wünsch mir, dass die Menschen einander wahrnehmen, sich anlächeln und füreinander da sind. Nettigkeiten und Seelensnacks anstelle von Zynismus und halbwarmen Sprüchen. Alltagsversüßung statt Alltagsvermiesung. Freude und Nähe statt Glumpert. Menschen, die sich trauen, gegen den Strom der Zeit zu schwimmen und den Mut haben, heldenhaft den Nächsten zu lieben. Einzigartige Menschen, die sich mit allen ihren Besonderheiten zu einem großen Ganzen verbinden.

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Eine Antwort zu Nachgedanken zur ARD Glückswoche

  1. Hermann Becke schreibt:

    Ein sehr schöner Beitrag, der den Leser nicht durch links zu Videos, Fotos, Texten…. weitertreibt, sondern zum Innehalten und Nachdenken anregt – danke für den Ruhepunkt!

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