Sarah Lesch, „Testament“

Sarah Lesch, deutsche Liedermacherin aus Leipzig, gewann den Protestsongcontest 2016 von FM4. Sarah ist 1986 geboren und ihr Lied „Testament“ ist sehr unbequem, denn es geht mit uns allen ins Gericht. Fans kann man sich nicht aussuchen; das Lied wird in den sozialen Netzwerken von vielen Sympathisanten des äußersten rechten Lagers geteilt. Man ist verwirrt und fragt sich, warum. Auch Sarah (zum Interview).

Das erinnert mich an den Song „Born in the USA“ von Bruce Springsteen, der als eigentlich waschechtes Antikriegslied oft als Hymne für amerikanischen Patriotismus mißbraucht wird. Man fragt sich, „hören die Leute nicht auf den Text?“ Oder treffen die Lyrics auf einer uns verborgenen Ebene mitten ins kindliche, unverdorbene Herz und gewinnen gegen den medienmißbrauchten Verstand?

„Testament“
Hier die Lyrics, unten das Video.

Auch du warst mal ein Kind und auch ich war mal klein
Und auch uns haben sie was erzählt
Und dann macht man das alles und versucht so zu sein
Und dann merkt man, dass einem was fehlt

Und dann verlernt man, sich richtig zu spüren
Oder man flüchtet sich in Kunst oder Konsum
Und während ihr fleißig Pläne macht,
Lachen die Götter sich krumm

Lasst eure Kinder mal was dazu sagen
Hört ihnen richtig zu
Die spürn sich noch, die haben Feeling für die Welt
Die sind klüger als ich und du

Und denkt dran, bevor ihr antwortet:
Ihr seid auch nur verletzte Kinder.
Am Ende gibt’s wieder ganz neue Symptome,
und ihr wart die Erfinder

Und dann sagt ihnen wieder, wie es richtig geht
„Werd erwachsen“ und „bist du naiv“
Predigt Formeln, lasst alles in Hefte schreiben,
Die Götter lachen sich schief

Achtet auf Schönschrift und Lehrpläne
Und dass sie die Bleistifte spitzen
Zeigt ihnen Bilder von Eichenblättern 
Während sie drinnen an Tischen sitzen

Und dann ackern und büffeln und wieder auskotzen
Und am Nachmittag RTL 2
Am Wochenende geht’s was Schönes kaufen,
fertig ist der Einheitsbrei

Und jeder, der sich nicht anpasst
Wird zum Problemkind erklärt
Und jede, die zu lebhaft ist
Kriegt ‘ne Pille, damit sie nicht stört

Und damit betrügt ihr euch selber, denn
Kein Kind ist ein Problem
Und all die Freigeister, all die Schulschwänzer
Nur Symptomträger im System

Doch bedenkt, wenn ihr so hart urteilt:
Ihr seid auch bloß gefangene Geister
Der Unmut wird immer lauter 
Und die Lehrer schreien sich heiser

Empört euch, dass Hänschen nicht ist, was er sein soll
Sondern nur, wer er nunmal ist
Die Götter pullern sich ein vor Lachen
Und ihr denkt, dass ihr was wisst

Und wenn Hänschen dann Hans ist 
Der eigene Kinder hat, denen er was erzählt 
Dann merkt Hans und Kunz, und ihr vielleicht auch,
Dass wieder irgendwas fehlt
 
Ihr habt Wünsche und Träume
Und rennt damit ständig an imaginäre Wände
Und jeder Wunsch, den ihr euch erfüllt 
Der ist dann halt auch zu Ende

Geht ihr nur malochen für erfundene Zahlen
Und wartet, bis die Burnouts kommen
Schmeißt euer Geld für Plastik raus
Um ein kleines Glück zu bekommen

Das Beste aus Cerealien und Milch
Noch ‘n Carport und noch ‘n Kredit
Und alle finden‘s scheiße
aber alle machen sie mit

Ihr klugscheißert und kauft trotzdem
Und die Werbung verkauft euch für dumm
Und dann sitzt ihr vor euren Flachbildfernsehern
Und meckert auf den Konsum

Wenn ihr das Welt nennt, bin ich gern weltfremd
Die Götter lachen sich krumm

Ihr Traumverkäufer, Symptomdesigner
Merkt ihr noch, was passiert? 
Wer hat euch das Land und das Wasser geschenkt, 
Das ihr jetzt privatisiert

Ihr Heuchler, ihr Lügner, ihr Rattenfänger 
Ihr Wertpapierverkäufer
Man hat euch Geist und Gefühl gegeben 
Und doch seid ihr nur Mitläufer
 
Ihr großen, vernarbten, hilflosen Riesen 
Ihr wart doch auch mal klein
Und jemand hat euch mit Schweigen gestraft 
Und ließ euch darin allein
 
Und jetzt hört ihr nicht nur die Götter nicht lachen 
Ihr hört auch die Kinder nicht weinen
Und sagt ihnen weiter, es würde nicht wehtun
Ohne es so zu meinen

Macht ihr ruhig Pläne, ich steh am Rand 
Ich sehe euch und ich bin nicht allein 
Hinter mir stehen mehr und mehr Weltfremde 
Die passen auch nicht hinein 

Und jetzt wartet nicht auf ein versöhnliches Ende 
Den Gefallen tu ich euch nicht 
Kein Augenzwinkern, keine milde Pointe,
Die das Unwohlsein wieder bricht

Irgendwann werden die Götter nicht mehr lachen 
Und falls es mich dann nicht mehr gibt 
Hinterlass ich ein Kind, das sich selbst gehört
Und dies unhandliche Lied

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